Ist Scheidung vererbbar?
Kürzlich fiel mir eine alte Ausgabe der NZZ-Folio in die Hände. Zwischen Essays und Randnotizen tauchte ein Name auf, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging: Jessica E. Salvatore.Salvatore stellte eine provokante Frage: Warum scheiden sich Kinder geschiedener Eltern später selbst häufiger? Liegt es wirklich nur daran, was sie vorgelebt bekommen haben, oder steckt mehr dahinter?
Um das herauszufinden, griff sie zu einem der saubersten Werkzeuge der Forschung: Adoptionsstudien.
Ihr Team analysierte die Lebensläufe von rund 20.000 Personen, die unmittelbar nach der Geburt adoptiert wurden und damit nicht unter dem Einfluss ihrer biologischen Eltern standen.
Die Resultate waren eindeutig: In ihrem Scheidungsverhalten glichen diese Menschen eher ihren biologischen Eltern und Geschwistern, mit denen sie kaum Kontakt hatten, als ihren Adoptiveltern und Stiefgeschwistern.
Kinder liessen sich später 22 Prozent häufiger scheiden, wenn die Ehe ihrer biologischen Eltern in Brüche gegangen war. Ob sich die Adoptiveltern hatten scheiden lassen, blieb hingegen ohne Einfluss.
Salvatore glaubt nicht, dass es so etwas wie ein Scheidungsgen gibt, das uns zu schlechten Ehepartnern macht. Aber es zeigt sich, dass das Scheidungsrisiko mit gewissen Persönlichkeitsmerkmalen wie Launenhaftigkeit oder geringer Selbstbeherrschung einhergeht.
Gene sind kein Schicksal, sie sind ein leiser Hintergrundrhythmus, zu dem wir uns oft unbewusst bewegen. Oder anders gesagt: Wir erben keine Scheidung, sondern Neigungen, und tragen somit die Verantwortung dafür, wie wir damit umgehen, unabhängig von Genetik oder Umwelt.
Die Studie zeigt, wie untrennbar Anlage und Umwelt miteinander verwoben sind. Eine Pflanze kann noch so viel Ertrag versprechen; in schlechtem Boden wird sie keine Früchte tragen. Aber selbst in gutem Boden wird sie nicht gedeihen, wenn sie nicht weiss, wie sie ihre Kräfte entfalten soll.
In diesem Sinne: gutes Gedeihen.