Ein Pferd, ein Sturz und eine Erkenntnis
Gestern hatte ich ein Gespräch, das etwas in mir sortiert hat. Eine gute Freundin von mir hat sich vor rund einem Jahr ihren Kindheitstraum erfüllt und ein eigenes Pferd gekauft. Seitdem verbringt sie viel Zeit im Stall, reitet regelmässig und lernt dabei mehr, als sie je erwartet hätte.
Denn, sagte sie, ein eigenes Pferd zu haben sei ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Es ist kein brav trainiertes Reitpferd, das funktioniert, egal wer auf seinem Rücken sitzt. Dieses Pferd ist eigensinnig, dominant und extrem feinfühlig. Es spürt jede Unsicherheit sofort. Pferde sind Fluchttiere. Sie erstarren oder rennen davon, wenn sie Angst haben.
Letzten Sommer wurde sie genau deshalb abgeworfen und brach sich dabei das Schulterblatt. Ich fragte sie, wie sie nach so einer Erfahrung heute noch auf dasselbe Pferd steigen könne.
Ihre Antwort war ruhig und klar: «Das Pferd ist nicht schuld. Es hat nicht aus Bosheit reagiert. Es wusste es nicht besser.» Entscheidend sei ihre eigene Körperspannung. Und ihre Präsenz. Denn das Pferd spüre jede innere Unruhe.
Dazu kommt, dass dieses bald achtjährige Pferd in seinen ersten Lebensjahren wenig Stabilität erfahren hat. Es ist bereits bei seiner dritten Besitzerin. Jetzt holt sie nach, was zuvor gefehlt hat. Mit Geduld, Konsequenz und kleinen Schritten.
Natürlich versucht das Pferd immer wieder, seinen Willen durchzusetzen. Das hat früher funktioniert. Heute nicht mehr. «Ich musste lernen, stark zu bleiben», sagte sie, «aber nicht hart.» Vor allem aber habe sie eines gelernt: Geduldig zu sein.
Vor einem Jahr wollte sie stundenlange Ausritte machen. Bis heute ist das nicht möglich, denn wenn es unterwegs einfach stehen bleibt, kommt sie nicht mehr nach Hause. Stattdessen übt sie. Immer wieder. Manchmal drei Tage lang dieselbe Übung, bis das Pferd mitgeht.
Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Weil sie so viel über diese Zeit erzählt. Über uns. Über 2026.
Denn auch wir reagieren auf Unsicherheit wie Fluchttiere. Wenn etwas Unerwartetes passiert, erstarren wir oder rennen los. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht: Was passiert gerade? Sondern: Wie begegne ich dem, was passiert?
Was wäre, wenn wir uns statt im Davonlaufen in Beständigkeit üben würden? In Präsenz. In Klarheit. In einer ruhigen, verlässlichen Energie. Denn Energie spricht, bevor wir ein Wort sagen.
Führung beginnt nicht mit Druck, sondern mit Präsenz. Und Fortschritt entsteht selten im Galopp, sondern in ruhigen, klaren Schritten.
Vielleicht ist genau das die Einladung dieses Jahres: nicht schneller zu werden, sondern bewusster. Nicht alles kontrollieren zu wollen, sondern standhaft zu bleiben. Geduldig, klar und verbunden mit uns selbst.