Fake it until you make it

Gestern war ich auf einer ganz besonderen Messe: der «Trau dich» Hochzeitsmesse.

Als mich eine gute Freundin spontan fragte, ob ich mitkommen wolle, weil sie zwei Tickets gewonnen hatte, sagte ich: «Aber wir können doch da nicht einfach hingehen. Uns fehlt doch die offizielle Eintrittskarte, ein Verlobungsring!»

Sie winkte grinsend ab und meinte: «Ach was. Wir gehen einfach. Ganz nach dem Motto: Fake it until you make it.» Also gingen wir hin. Und dort gab es alles, was man sich vorstellen kann: endlose Reihen glitzernder Brautkleider aus Tüll und Spitze, Trauringe in allen Varianten, Blumenarrangements, Deko, Catering und unzählige Hochzeitsfotografen.

Die ersten ausgestellten Hochzeitsfotos, die ich sah, wirkten künstlich, überarbeitet, gestellt. Doch dann, völlig unerwartet, blieben meine Augen an einer anderen Fotowand hängen: Bilder von Paaren in den Bergen, in einem kleinen Ristorante bei Locarno, am Wasser, voller Leben und Gefühl. Jedes einzelne Foto erzählte eine Geschichte.

Ich blieb stehen und blätterte durch ein Album, als mich die Fotografin freundlich ansprach: «Und, wann ist es bei dir so weit?» Ich lachte und erklärte, dass ich nur zum Schauen hier sei, als Inspiration.

Wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie seit 2009 Hochzeiten fotografiert und Mutter einer zweijährigen Tochter ist. Aus Neugier fragte ich sie, wer denn bei ihrer eigenen Hochzeit fotografiert hatte. Da wurde sie still. Dann sagte sie, bei ihr sei alles ein bisschen anders gelaufen. Nach der standesamtlichen Trauung sei bei ihrem Mann Krebs diagnostiziert worden – so aggressiv, dass sie es leider nicht mehr bis zur grossen Feier geschafft hätten. Sie wurde Witwe.

Ich war sprachlos und sagte ihr, wie leid mir das tue. Doch sie winkte sanft ab. Heute, zehn Jahre später, erzählte sie, führe sie ein Leben, das sie sich nie hätte vorstellen können. Sie hat einen neuen Partner gefunden, ist Mutter geworden, obwohl sie früher nie dachte, dass das je zu ihr passen würde. «Dieser Tod war furchtbar», sagte sie, «aber es war auch mein grösstes Glück. Denn dieser Verlust hat Platz für ein anderes Leben geschaffen.»

Heute steht sie jedes Jahr an dutzenden Hochzeiten, und hält für andere fest, was sie selbst einst verloren hat: die schönsten, flüchtigsten Momente des Glücks.

Ihre Geschichte hat mich tief berührt. Sie hat mich daran erinnert, dass wir nie wissen, was auf der anderen Seite auf uns wartet. Dass manches erst mit der Zeit Sinn ergibt.

Und dass Glück und Leid oft näher beieinander liegen, als wir glauben, so nah, dass wir manchmal gar nicht merken, wie gut es uns geht.

In diesem Sinne: auf das Leben, in all seinen Kapiteln.